Und es bewegt sich doch etwas

Es ist ein verregneter Freitagmittag, an dem ich durch die Gänge der Uni schleiche. Zwischen zwei alten orangefarbenen Fahrstuhltüren fällt mir ein strahlend weißer Zettel auf. „Wie kann ich etwas an meiner Uni bewegen?“ fragte er.

Ich überlege kurz und gehe zu dem nicht weit entfernten Raum, auf den noch hingewiesen wird. Hinter der Tür sehe ich weit und breit nur graue Pullover und blasse Gesichter sitzen. Trotzdem überrascht mich eine ungeahnte Spannung. 

„Wie kann ich etwas an meiner Uni bewegen?“

„Pro Blatt 5 Cent? Die haben uns vor vollendete Tatsachen gestellt! Wieso wußte keiner etwas davon?“ regt sich einer mit Bart und viel zu großem Pullover auf. Man erzählt mir, dass die Informatikstudenten früher hundert Seiten im Monat kostenlos ausdrucken durften. Seit dem Wintersemester 02/03 jedoch hat eine Kopierdienst-Firma ihre Drucker in den Informatikräumen aufgestellt. Um diese zu bedienen, braucht man eine Chipkarte. In ihrer eigenen Newsgroup beratschlagten die verärgerten Studenten dann, was zu tun sei und organisierten mit Hilfe des Wissenschaftlichen Mitarbeiters Gunnar Schröter dieses Treffen.

„Wieso regt ihr euch so auf? Wo wart ihr, als die Fakultätsratsitzung über die Drucker-Umstellung entschieden hat? Ich habe keinen einzigen studentischen Vertreter gesehen“, erzählt Gunnar. „Wieso soll ich mich als Wissenschaftlicher Mitarbeiter dann für die Belange der Studenten einsetzen?“ Die Informatiker haben sehr wenig studentische Vertreter. Nur drei Studenten halten momentan noch die Informatiker-Initiative am Leben, doch jeder von ihnen steht bereits am Ende seines Studiums. Jochen Kleucker ist einer von ihnen. „Wieso kommt nicht mal jemand von euch zu unserer Ini-Sitzung, wenn ihr euch so für die Uni-Politik interessiert?“ fragt er, worauf sich sogleich ein aufgebrachter junger Student meldet: „Ich wollte ja kommen. Aber dann las ich auf eurer Homepage, dass ihr feministisch und linksradikal seid. Das hat mich abgeschreckt.“ 

Andere wissen gar nicht, was eine Initiative ist und welche Gremien es überhaupt gibt. Der wissenschaftliche Assistent Steffen Merkler erklärt es ihnen gerne, sowohl theoretisch als auch an der Tafel. Und es wird klar, dass eigentlich in jedem entscheidungsbefugten Gremium die Professoren mehr Stimmen haben als die Studenten. Die Zuhörenden fragen sich, wie so etwas möglich sein kann. „Es gibt viel mehr Studenten als Professoren! Wo bleibt da die Demokratie?“ Nach Gunnar gibt es nur zwei Möglichkeiten: „Entweder man sträubt sich, oder man nutzt wenigstens die Rechte, die einem gegeben sind, ob undemokratisch oder nicht. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden.“ Er grinst die Studenten fröhlich an, und man merkt, wie er sie immer stärker für die zweite Variante begeistern kann. Sie wollen wenigstens irgendwas verändern.

„Es gibt viel mehr Studenten als Professoren! Wo bleibt da die Demokratie?“ 

Die zwei Informatiker Timo Glaser und Thomas Kaschwig verfolgen schon die ganze Zeit aufmerksam das Geschehen. Sie sitzen vorne und versuchen nun, die Diskussion zu leiten. Sie sehen das Hauptproblem für fehlendes Engagement und niedrige studentische Wahlbeteiligung bei den Gremien-Wahlen in der schlechten Weiterleitung von Information. „Wer weiß denn schon, wann und wo welche Beschlüsse gefaßt werden? Viele Sitzungen sind öffentlich. Trotzdem geht keiner hin“, fragt Timo Glaser. Vielleicht ist eine Homepage mit allen Informationen zu Gremien, Beschlüssen und Wahlen eine Lösung? Sie freuen sich: „Das dürfte für uns technisch gesehen kein Problem sein!“ Aber wo bleibt das Uni-politische Engagement? Anderthalb Stunden sind vergangen, die Zuhörer packen ihre Taschen. „Leute, wenn Ihr jetzt wegrennt, ist alles verloren“, warnt Thomas Kaschwig. Schnell verabreden sie sich für eine Woche später, selbe Zeit, selber Ort.

Der weiße Zettel hängt nicht mehr aus, und hinter der Tür finde ich nur noch ein Viertel der Studenten vom letzten Freitag vor. „Wer sind wir eigentlich?“ fragen sie sich. Wieder fallen mir die grauen Pullover auf. Sie brauchen Ziele. Definitionen. „Im Gegensatz zur alten Ini möchte ich mich nicht an eine politische Richtung binden“, betont Thomas. Dem stimmen die meisten zu. Ein anderer möchte sich für wirklich demokratische Gremien einsetzen. Außerdem möchten sie für alle Studenten ihrer Fakultät offen sein. Doch das wichtigste Ziel ist – da sind sich alle einig – die Lehre zu verbessern. Am 27. November 2002 sind die nächsten Gremien-Wahlen. Thomas Kaschwig sagt: „Bis dahin müssen wir noch Nägel mit Köpfen machen. In welcher Form ist noch unklar – aber wir werden uns aufstellen.“

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