Ganz normal hat sie ange­fangen, wie viele von uns. Mit 7 Block­flöte, dann kam die Ent­schei­dung, was folgen sollte. Das Cel­lo­spielen hat sie auf­ge­geben, ebenso die Kla­ri­nette und so ist sie zur Oboe gekommen, nachdem sie eine Mit­schü­lerin im Schul­or­chester gehört hat. Seitdem arbeitet sie auf ihre Auf­nah­me­prü­fung hin. 3 Jahre lang war sie in der Stu­di­en­vor­be­rei­tung (Stuvo) der Musik­schule und hat zusätz­lich zum Obo­en­un­ter­richt Kla­vier– und Theo­rie­un­ter­richt erhalten.

Das alles hat sie neben der Schule geschafft. Dann kam die Auf­nah­me­prü­fung für Orches­ter­musik an der Hanns Eisler. 6 Bewerber/innen gab es und eine/r wurde genommen. Das war sie. 6 Bewerber sind im Ver­gleich zu den anderen Instru­menten oder zum Gesang noch relativ wenig (für Gesang gab es bei­spiels­weise 365 Bewerber auf einen Stu­di­en­platz). Die Vor­stel­lung, dass von den Minuten des Vor­spie­lens die ganze Zukunft abhängt, macht mich schon bei der reinen Vor­stel­lung ganz nervös. „Auf­ge­regt“? frage ich sie, doch sie lächelt nur und ant­wortet: „Nicht auf­ge­regt sein, son­dern auf­re­gend sein ist mein Motto“. Das über­zeugt mich. Sie hatte sich ein­fach vor­ge­nommen ihr Bestes zu geben, dann wäre sie auch mit einer Absage zufrieden gewesen, wenn sie nur gut spielt. Die Angst, dass man nicht sein Bestes geben kann, weil man doch nervös ist, liegt wie ein Schleier über ihr. Dann kommt der Tag und es läuft nach ihren Vor­stel­lungen. Die Kla­vier­be­glei­tung spornt sie an, so dass sie alles aus sich her­aus­holen kann. Glück­lich ver­lässt sie den Raum. Sie ist genommen, denn auch ihre anderen Prü­fungen (Kla­vier, Theorie, Gehör­bil­dung) hat sie bestanden.

„Ent­gegen man­chen Vor­ur­teil liegen die meisten Stu­denten über die Som­mer­mo­nate nicht tagein tagaus in der Sonne und lassen die Seele baumeln.“

Der Stu­di­en­alltag sieht so aus, dass man haupt­säch­lich übt, denn wenn man nicht übt, dann bringt auch der Unter­richt nichts. Jeder Stu­dent kann wäh­rend des Semes­ters einen Raum zum Üben bekommen. Maximal 3 Stunden am Tag, denn jedem soll die Chance zum Üben gewähr­leistet sein. Man trägt sich in Listen ein, gibt den Aus­weis beim Pförtner ab und bekommt dafür den Schlüssel für einen Raum. Die Räume sind sehr gemüt­lich, jeden­falls für einen Außen­ste­henden, aber natür­lich auch gut aus­ge­stattet mit Kla­vier, Noten­ständer usw..

Eigent­lich ist das Ziel immer der nächste Unter­richt und auf den arbeitet man hin. Zusätz­lich macht man wäh­rend des Stu­diums unter anderem noch Gehör­bil­dung, Ton­satz, Instru­men­ten­kunde, Musik­ge­schichte, Pflicht­fach Kla­vier, Hoch­schul­chor, Orches­ter­stu­dien, Kor­re­pe­ti­tion und Atem­gym­nastik. In den Semes­ter­fe­rien muss man selbst­ver­ständ­lich weiter üben, was auch ein­fa­cher ist, da die Räume nicht so begehrt sind. Ein wenig einsam kommt einem das vor, wenn man über­legt, dass man den halben Tag alleine mit seinem Instru­ment ver­bringt. Ich frage sie danach und sie bestä­tigt, dass es auch ein biss­chen so ist. Aber es gibt ja auch Orchester– und Kam­mer­musik, die dann abwechs­lungs­rei­cher und irgendwie gesel­liger ist. Ansonsten hat der Musik­stu­dent Mucken (bezahlte Auf­tritte bei Feiern oder anderen Anlässen. Bei Jaz­zern auch Gigs genannt.), mit denen er Geld ver­dienen kann. Marie-Luise spielt bei kirch­li­chen Anlässen, oder Feiern. 100 Euro kann man für eine Mucke bekommen. Ich frage, wie man an so etwas her­an­kommt, ganz ein­fach, man wird ange­rufen. Für mich hört sich das alles nicht so ein­fach an, aber Marie-Luise scheint das locker zu sehen.

Auch in Sachen Kon­kur­renz ist sie Schlim­meres gewohnt, vom Bal­lett näm­lich. Sie sagt zwar, dass man sich nicht allzu viele Vor­spiele der anderen anhören sollte, aber sonst geht es.

Letzt­end­lich komme ich zu der Frage, die ich selber so hasse, wenn sie mir gestellt wird: „Was willst du eigent­lich damit machen? Wie stehen die Berufs­chancen“? Na klar, die Frage mag auch sie nicht son­der­lich. Ihr Ziel ist es Orches­ter­mu­si­kerin zu werden, um dann ein gutes Orchester zu finden, in dem man spielen kann. Auch das ist gar nicht so ein­fach, denn nur in sehr berühmten Orches­tern (wie zum Bei­spiel bei den Ber­liner Phil­har­mo­ni­kern) ver­dient man so viel Geld, dass man auch davon Leben kann. Am Unter­richten kommt man als Musiker ver­mut­lich nicht vorbei.

Tja, so kann also die Rea­lität in einem Musik­er­leben aus­sehen. Die Schluss­be­mer­kung von Marie-Luise erstaunt mich dann aber schon, denn sie sagt, dass sie die Oboe als Instru­ment nicht wei­ter­emp­fehlen würde. Vom Lyri­schen her schon, aber der täg­liche Rohrbau, der damit ver­bunden ist und jedes Spielen beein­flusst, würde sie davon abhalten. Man kann nur so gut spielen, wie gut auch das Rohr ist. Drei bis vier Rohre, die ein­ge­spielt sind, sollte man besitzen. Jedes Spiel hängt nicht nur von den tech­ni­schen und musi­ka­li­schen Fähig­keiten ab, son­dern auch davon, wie gut das eigene Rohr ist.

Natür­lich ist das in gewisser Hin­sicht bei jedem Instru­ment der Fall, denn auch auf einer Stra­di­vari spielt es sich besser als auf Omas Geige, aber als Oboist ist man selbst für den Klang zuständig. Gerade der Oboist muss sich aber gegen das Vor­ur­teil sträuben sich wie eine Ente anzu­hören (Ich erin­nere nur mal an Peter und der Wolf.), das ist aber eher der Fall, wenn man auf einem schlechten Rohr spielt.