Wir können jetzt loslassen

Die Band „Virginia jetzt” ist im Musikeralltag angekommen. Ein Gespräch über Künstlerexistenz, Prominenz und Verblödung in voller Länge: Hier die ungekürzte Fassung, die über das Interview in der Print-Ausgabe von bus hinaus geht.

bus: Was hat euch aus einer kleinen Stadt in Brandenburg nach Berlin verschlagen?
Mathias: Es war schwierig hier in Berlin, weil es unsere Dorfdisco „Blue Sky“ erst mal nicht gibt. (alle lachen)
Thomas: Mathias und ich sind aus beruflichen Gründen hierher gezogen: Für das Studium und Mathias wollte seinen Zivildienst hier leisten, den man natürlich lieber in Berlin macht, als irgendwo in einem kleinen Dorf. Die anderen haben wir dann später zwangsverpflichtet zu folgen.

bus: Ihr habt alle ein Studium bzw. eine Lehre angefangen. Was habt ihr gelernt?
Thomas: Ich hab Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Publizistik studiert.
Mathias: Ich bin mittendrin. Das Studienfach heißt Leben und Musikmachen. Ich bin aber Quereinsteiger – ich hab vorher eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann gemacht.
Nino: Ich habe ungefähr bis zur Hälfte Jura studiert.
Angelo: Ich bin Holzmechaniker.

Vermisst ihr es zu studieren?
Thomas: Nein. … ein bisschen. Wir vermissen es, sich Wissen anzueignen, das hat auf jeden Fall schon Spaß gemacht. Aber was ich nach dem Abbruch bekommen habe, ist viel wertvoller. Natürlich ist man manchmal ein bisschen unterfordert.
Nino: Du bist bei uns noch unterfordert?
Thomas: Naja, was den wissenschaftlichen Aspekt angeht schon. Aber ich vermisse es jetzt nicht direkt, im Hörsaal zu sitzen, früh aufzustehen und Hausarbeiten schreiben zu müssen. Ich habe mich ja auch dazu entschieden, Musik zu machen. Also wenn mich jemand vor die Wahl stellen würde, würde ich trotzdem weiter Musik machen.

Und wie wäre es mit einer Fern-Uni?
Thomas: Es ist ja wirklich keine Zeit dafür.
Mathias: Ich habe zwar nie studiert, aber ich habe eine romantische Vorstellung vom Studieren. Wenn man den Campus und das ganze Drumherum in Filmen sieht … Also die Mensa zum Beispiel, die ist sicherlich nicht der schönste Ort, hat aber auf jeden Fall was Romantisches. Das Problem ist, dass man als Musiker nahezu verblödet.
Thomas: Man muss es halt selbst in die Hand nehmen.
Mathias: Ja stimmt. Wenn man immer auf Tour ist – was bei uns ja noch gar nicht so krass ist – dann verlierst du komplett das Interesse. Aber ich merke das, wenn wir auf Tour sind. Die ersten drei Tage sind: „Oh geil, komm, lass uns die ganze Stadt sehen…“ und dann kommst du in Güstrow an und nach dem vierten Tag haben wir dazu echt keine Lust mehr. Dann interessiert einen nicht mehr, was gerade los ist und was in der Zeitung steht. Dann ist alles egal.

Auf eurer Internetseite gibt’s einen Blog, in dem ihr euch gegenseitig fragt, in welcher Stadt ihr gerade seid und niemand weiß eine Antwort. Ist es denn so stressig?
Thomas: Da ist ein bisschen Koketterie dabei, aber es kommt auch manchmal vor, dass man gerade nicht weiß, wo man ist. Bei unserer letzten Tour war das weniger der Fall. Anders ist es, wenn man jeden Abend mit dem Nightliner fährt und von der Stadt nichts sieht, weil man früh am Morgen kommt, bis um Elf schläft, dann aussteigt und alles, was man vor sich hat, ist der Club, in dem man spielt. Ganz so schlimm ist es zwar nicht, aber es kommt schon mal vor, dass man nicht weiß, wo man gerade ist. Vor allem, wenn man zwischen 20 Städten rotiert und das in drei Wochen – da kann man schon mal was durcheinander bringen.
Mathias: Einer der größten Gags bei den Simsons handelt auch davon. Da spielt eine Band – ich weiß gerade nicht welche – und der Gitarrist hatte sich den Stadtnamen hinten auf die Gitarre geschrieben. (Mathias hält eine imaginäre Gitarre in der Hand, begrüßt die anderen „Hallo …”, er schaut auf die Gitarre, „… Springfield”. Alle lachen) Nino geht das tatsächlich auch sehr häufig so.

Habt ihr denn schon mal den falschen Namen gesagt?
Mathias: Ja.
Thomas: Schlimm ist es, wenn man in diesen „-burg”-Städten spielt, also Würzburg, Hamburg, Flensburg, … Da kommt es schon vor, dass man die Namen verwechselt.
Mathias: Es gibt nichts Schlimmeres, um ein Konzert gleich am Anfang totzumachen, als den falschen Namen zu sagen und das falsche Bundesland dann noch hinterherzuschicken. Dann kann man eigentlich direkt wieder einpacken. Es ist unglaublich, wie viel Provinzstolz es in Deutschland gibt. Fragt man jemanden „Findest du es hier geil?“, dann sagt jeder „Ach na ja … ich wäre schon lieber in Hamburg oder Berlin.“ Wenn du aber zu jemanden, der vielleicht noch nicht mal in Würzburg wohnt, sondern nur dort ist, weil er studieren muss, wenn du zu dem „Hallo Nürnberg“ sagst, dann ist der echt sauer.
Thomas: Irgendwie sind die Städte alle gleich. Man kommt nicht wirklich dazu, sich ein konkretes Bild von der Stadt zu machen. Wenn man in die Innenstadt geht, dann sehen die Einkaufspassagen eh alle gleich aus.
Mathias: Das wäre schön für „Wetten, dass…?“: Wetten, dass ich alle Einkaufspassagen von mittelgroßen Städten in Deutschland erkenne?
Thomas: Du hast dort ja auch immer die gleichen Geschäfte, da ist dann ein Douglas, neben einem Esprit, neben einem Schlecker …
Mathias: … und dann kommt die Post.

Würdet ihr gern mal bei „Wetten, dass…?“ singen?
Mathias: Ja, auf jeden Fall!

Und neben wem würdet ihr danach gern auf der Couch sitzen?
Thomas: Auf der Couch sitzen die ja meist gar nicht.
Nino: Justin Timberlake durfte auch auf die Couch.

Habt ihr das letzte „Wetten, dass…?“ geguckt?
Mathias: Nein. Meine Mutter hat es mir erzählt. Sie war ganz begeistert von Justin Timberlake und mein Vater konnte ihn überhaupt nicht leiden.

Ist „Wetten, dass…?“ zu spießig, um es sich anzukucken?
Mathias: Ich habe keinen Fernseher.

Aus Prinzip nicht?
Mathias: Nein, es interessiert mich nicht. Vorher hatte ich eine Wohnung, in der ich einen Fernseher hatte. Da hatte ich überhaupt eine Wohnung, jetzt habe ich gar keine Wohnung mehr. Ich habe halt nie den Fernseher angemacht. Wenn ich irgendwo bin und Fernsehgucken kann, dann find ich das toll, aber ich brauche das nicht. Ich beschäftige mich lieber mit anderen Sachen, als damit, was im Fernsehen kommt.

Willst du damit gegen die Verblödung arbeiten?
Mathias: Nein, nicht gegen die Verblödung. Es gibt ja schon interessante Sachen.
Thomas: Fernsehgucken heißt ja nicht, dass man das Ding anmacht und dann wird man unterhalten. Man wird schon unterhalten, aber ob das nun die Unterhaltung ist, die man möchte, dass ist dann die andere Frage. Fernsehgucken setzt ja voraus, dass man sich mit dem Programm beschäftigt, dass man sich eine Zeitung kauft und sieht, was in welchem Programm kommt.
Mathias: Da gibt es aber unterschiedliche Ansätze innerhalb der Band.
Nino: Angelo guckt zum Beispiel alles; ich dagegen bin ein sehr gewissenhafter TV-Zeitschriftenstudierer. Aber samstagabends sollte man besseres zu tun haben als Fernsehgucken. Außerdem ist Thomas Gottschalk so was von unlustig, der ist eigentlich untragbar.
Mathias: Na danke, die Tür hast du jetzt zugemacht. Da werden wir nie eingeladen.
Nino: Naja, er ist manchmal eben unfassbar respektlos gegenüber seinen Gästen und tritt auch in sehr viele Fettnäpfchen rein.

Du würdest also nicht so gern da auftreten?
Nino: Doch. Es gab mal ein Interview in dieser Show mit Götz Alsmann. Ihn hat das dort so angekotzt, dass es richtig lustig war. Thomas Gottschalk hat ihn so oberflächlich zu seinem neuen Film befragt und Götz Alsmann sieht sich als Künstler und ist damit überhaupt nicht zurecht gekommen. Er hat das deutlich gezeigt und damit die ganze Sendung gesprengt.

Gibt es denn Frage
n, die man euch lieber nicht stellen sollte?

Thomas: Man würde es schon an unseren Antworten merken, dass uns eine Frage unangenehm ist.
Mathias: Aber wenn man schon mal da ist … (alle lachen)
Nino: Naja, irgend einen Seitenhieb würde es wahrscheinlich schon geben. Aber Gottschalk lebt in Florida und ist schon ein bisschen weltfremd.
Thomas: So kann man keine Nationalelf regieren und auch nicht Fernsehen machen.
Mathias: Florida und Kalifornien – nur weil das Wetter dort schöner ist.
Thomas: Apropos Kalifornien … Schwarzenegger hat mit großer Mehrheit gewonnen.
Nino: Mh, also kein „Terminator 4”!
Thomas: Ich sag’s euch, irgendwann wird der noch Präsident. Aber egal … jetzt zu unserem Album (alle lachen).

Okay, warum ein neues Album?
Mathias: Ja, warum macht man ein neues Album? Weil man das Bedürfnis hat ein neues Album zu machen. Wir sind da relativ langweilig und haben es fast wie immer gemacht, wir waren im selben Probenraum und hatten denselben Produzenten.
Thomas: Man kann ja vom Musikmachen nicht loslassen und will auch wieder auf Tour gehen. Außerdem warten die Fans auf neue Musik. Wir sind Musiker und da kommt der größte Antrieb sicher von uns selbst. Wir hatten einfach das Bedürfnis nach mehr und haben noch nicht alles gesagt. Das letzte Album war schon gut, aber da ist noch etwas, was viel besser ist. Wir haben den Antrieb, Songs zu schreiben und zu arrangieren. Dann beginnt natürlich alles immer wieder von vorn: man fängt an Songs zu schreiben, man geht ins Studio, man gibt Interviews und irgendwann, wenn die Platte draußen ist, geht man auf Tour. Man kann ja nicht sein Leben lang mit der gleichen Platte auf Tour gehen.

Ihr seid jetzt in eurem „verflixten siebten” Bandjahr. Was hat sich seit dem Beginn und seit eurer ersten CD verändert?
Mathias: In erster Linie haben wir uns verändert. Die Art und Weise, wie wir Sachen sehen, wie wir an Dinge herangehen, mit welcher Ernsthaftigkeit wir manche Sachen machen und mit welchem Maß an Perfektion wir an manche Dinge herangehen, aber auch wie wir in vielen Sachen einfach loslassen können, das hat sich verändert. Das ist, glaube ich, die Erfahrung auch innerhalb der Band, wenn man feststellt, das man ein Künstler ist. Da man merkt, dass kaum etwas anderes zählt als Musik zu machen. Dabei ist es egal, ob das in der U-Bahn, in einem Klub oder in einem Gespräch ist – man ist immer ein Künstler. Da sind wir jetzt näher dran als je zuvor. Das ist der Unterschied zum ersten Album.
Thomas: Wir haben auch vor fünf Jahren nie daran gedacht, mal bei „Rock am Ring” zu spielen. Du freust dich riesig darüber, dass du es tust, aber du weißt noch gar nicht richtig, was du da eigentlich tust. Das ist einfach so ein Moment, in dem man am liebsten die Zeit anhalten würde. Unser Selbstverständnis ist eben, Künstler zu sein. Genauso wie wir dieses Selbstverständnis haben, hat ein Maurer für sich das Selbstverständnis zum Mauern da zu sein. Das ist sein Zweck und wenn er die Arbeit gern tut, dann macht er sie auch gut.

War es das Größte für euch bis jetzt, bei „Rock am Ring” zu spielen?
Mathias: Nein bei Weitem nicht. Es ist schwierig, das über acht Jahre zu sagen, aber rückblickend ist es immer das Beste, ein Album endlich so fertig zu haben, wie es dann auch sein wird. Gerade weil wir jetzt auch mehr Künstler sind, geht es gar nicht mehr nur darum bei „Rock am Ring” drei Tage lang Spaß zu haben, sondern eher darum, einen Beitrag zu leisten. Wenn dann endlich das Cover für die CD fertig ist oder wenn wir im nächsten Jahr wieder auf Tour gehen und dann wieder unser erstes Konzert haben – das sind so die tollen Momente.
Thomas: So ein „Rock am Ring”-Auftritt, der ist vergänglich.
Mathias: Und von den über 360 Konzertauftritten bis jetzt gibt es vielleicht zehn oder zwölf, die es für uns alle vier schaffen, magisch zu sein.

Was erwartet denn den Hörer auf eurer neuen CD? Inwiefern ist „Land unter“ jetzt besser bzw. anders im Gegensatz zu den Vorgängeralben?
Thomas: Das ist schwierig zu beschreiben. Da sollte die Musik für sich selber sprechen.
Mathias: Es geht gar nicht darum, dass sie jetzt besser ist. Du bringst halt ein Album raus und freust die tierisch darüber, dass du es hast. Da spielt es keine Rolle, wie viele Leute das kaufen und wie sie es finden. Du hast etwas geschafft und das ist toll!
Thomas: Dass uns das aktuelle Album näher ist, liegt ja daran, dass es unsere aktuellen Lebensumstände widerspiegelt. Aber deswegen ist es an sich jetzt noch nicht besser.

Habt ihr ein Lieblingslied auf dem Album?
Mathias: Nein eigentlich nicht.
Nino: Jein. Also ich mag alles sehr. (alle lachen) Das war nicht immer so, aber dieses Mal war das ein Ziel, das wir auch als Band erreichen wollten. Es gibt aber Lieder, die aufgrund einiger bestimmter Tatsachen noch mehr herausstechen. Für mich ist das „weit weg“ – der erste Song. Der ist halt total anders als die Lieder, die wir sonst gemacht haben und er verbindet Sachen, die für uns bis dahin noch gar nicht so existent waren. Außerdem ist das ein Lied, dass ich nach 200mal Anhören immer noch frisch finde. Das ändert sich aber irgendwann auch wieder. Bei den anderen Alben gefallen mir, wenn ich noch mal zurückgehe, jetzt andere Sachen als früher.
Mathias: Dir gefällt doch eh immer das erste Lied auf dem Album am besten.
Nino: Ja, das stimmt. Das ist so ein Punkt, der das Album klarmacht.
Angelo: Bei mir sind es eigentlich auch alle. „Singen und singen“ ist schon weit vorn, aber ansonsten gefallen mir alle.
Thomas: Ich kann auch kein Stück festmachen, vor allem weil es dann so klingt, als würde ich die anderen abwerten.
Nino: Es ist dann etwas ganz anderes, wenn man fragt, welches Stück spielt ihr am liebsten live, denn das ist mit ganz anderen Sachen verbunden.

Wie entscheidet ihr die Reihenfolge der Lieder auf dem Album?
Nino: Naja, wir haben eine recht homogene Vorstellung davon, wie ein Album aufgebaut sein sollte. Die Dramaturgie der drei Alben ist schon sehr ähnlich, weil es am Ende immer ein bisschen epischer wird. In erster Linie geht es um das Gefühl, aber dann spielen natürlich auch Tonart und Tempo eine Rolle. Beim ersten Album haben wir sehr lange debattiert.

Auf Einladung des Goethe-Instituts habt ihr vor zwei Jahren in Russland ein paar Konzerte gegeben. Wie war das und was habt ihr dabei erlebt?
Mathias: Es waren einfach so viele tolle Sachen, aber es ist jetzt auch schon wieder mächtig weit weg.

Es sind zwei Jahre, verschwimmt die Zeit so schnell?
Mathias: Nein, eigentlich nicht. Die Tage in Russland zählen zu den spannendsten, die wir bisher als Band hatten.

Ist man da stolz, wenn das Goethe-Institut einen zu einer Art Botschafter für deutsche Kultur macht?
Mathias: Nicht unbedingt stolz. Es ist eher eine Sache von gespannt und herausgefordert sein. Das fängt bei den Menschen an, die man da trifft, und geht über die Klubs, in denen man spielt, weiter. Es war auf jeden Fall eine unglaublich geile Zeit.
Nino: Es war eine Zeit voller Gegensätze und alles war natürlich viel spannender als hier. Wir haben unglaublich viel Herzlichkeit von den Menschen dort erfahren, wir ha
ben unglaublichen Luxus erfahren und gleichzeitig unglaubliche Armut gesehen. Wir hatten extrem geniale Konzerte und einen Tag später unglaublich schlechte Konzerte … Aber es war auf jeden Fall die spannendste Zeit, die ich mit der Band zusammen hatte. Ich glaube, das ist fast nicht mehr zu toppen.

Wie war das mit der Sprache, wurdet ihr verstanden, wenn ihr deutsch gesungen habt?
Nino: Ja, viele Jugendliche in Russland haben Deutsch als Fremdsprache und die meisten konnten dementsprechend auch gut deutsch reden.

Ihr habt in diesem Jahr eine JUZE-Tour veranstaltet. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, nur durch Jugendzentren zu touren?
Thomas: Zu der letzten CD haben wir zwei Touren gemacht. Die erste hat uns durch größere Klubs und Hallen geführt. Danach war es mal wieder Zeit für die etwas kleineren Klubs. Da bieten sich Jugendzentren an, weil sie auch einen gewissen politischen Hintergrund haben, weil man als Band eben immer in diesen kleinen Klubs anfangen muss. Man kommt als neue Band nicht mal eben so in das Magnet oder das Knaack und kann große Hallen füllen.

Worin liegt der Vorteil kleiner Klubs?
Thomas: Der Nachteil bei großen Klubs und Hallen ist einfach, dass eine Kommunikation mit den Fans nicht so gegeben ist, wie es nun mal in kleineren Locations der Fall ist: Die Bühne ist viel höher, der Abstand zum Publikum viel größer und wenn du nach dem Konzert noch mal rausgehen und dich unter die Menge mischen willst, dann sind die Leute schon verschwunden, weil die Security-Leute alle aus der Halle kriegen wollen. Das ist in kleineren Klubs anders. Außerdem ist es auch nicht verkehrt, sich bewusst zu machen, wie man mal angefangen hat.
Mathias: Es war auch eine sozio-politische Entscheidung, in die Jugendzentren zu gehen. Das sind die Plätze, die im Stadtbild wirklich stören – also, die von vielen wegen der Jugendlichen dort als störend wahrgenommen werden. Gerade weil wir in einer Zeit leben, in der das Spießbürgertum immer mehr zum Tragen kommt. Es will einfach niemand belästigt werden. Wo kommen wir denn hin, wenn es keine Rebellion mehr gibt? Außerdem haben wir auch in den Klubs gemerkt, wie wenige Konzerte dort noch gespielt werden.

Hier an der Wand hängt ein Poster mit der Aufschrift „B-Promis“. Worin unterscheiden sich A-Promis von B-Promis?
Nino: Das hängt damit zusammen, wie viele Leute prozentual einen kennen. Das wird auch noch weiter nach unten abgestuft. Nennt mir doch mal ein und ich stufe ihn für euch ein.

Oliver Pocher?
Nino: Das ist ein A-Promi. Leider. Aber so was wie Kader Loth, das ist ein C-Promi. B-Promi kann man natürlich auch sein, wenn man gut ist, einen aber nicht so viele Leute kennen, wie zum Beispiel Götz Alsmann. Der ist ein positives B-Promi Beispiel.

Wie ist es mit euch? Wollt ihr irgendwann A-Promis werden, oder qualifizierte B-Promis bleiben?
Nino: Ah, wir sind irgendwo bei M oder N.
Thomas: Das spielt doch gar keine Rolle und es interessiert mich auch nicht. Ich kann mir schon vorstellen, dass es für eine Jenny Elvers-Elbertzhagen von immenser Bedeutung ist, ob sie A- oder B-Promi ist, weil sie, wenn sie A ist, abends bei Kerner mehr Kohle bekommt und, wenn sie eben nur D ist, beim MDR weniger Geld verdient. Aber für uns ist das nicht wichtig, wir machen Musik. Die Frage stellt sich für uns nicht und wir stellen sie uns auch nicht.

Gibt es Sachen, die ihr nicht machen würdet? Vielleicht gerade solche Sachen, die C-Promis machen, um B-Promis zu werden.
Mathias: Wir machen erst mal alles. Das ist auch eine Frage, die sich uns nicht stellt. Wir sind Musiker und wenn wir ein Angebot bekommen, dann setzten wir uns zusammen und denken gemeinsam drüber nach, ob wir das machen wollen oder nicht.

Es gab ja mal eine Zeit, in der ihr nicht bei Interaktiv auf Viva auftreten wolltet und beim zweiten Album habt ihr es dann doch gemacht.
Mathias: Das bedarf einfach einer guten Wahrnehmung auf sich selbst und die haben wir, glaube ich. Da muss man auch gucken, was man sich zutraut. Bei Interaktiv war es letztendlich so, dass wir live auftreten konnten. Wenn man da hingehen kann, um Musik zu machen, ist das eine ganz andere Voraussetzung.
Nino: Aber natürlich würden wir nicht alles machen, um bekannter zu werden. Es geht immer noch darum, dass man ehrlich zu sich selber ist. Wenn wir die Chance haben, wir selbst zu sein und zeigen zu können, wie wir sind, dann ist das okay und dann machen wir das auch.
Thomas: Wir haben einen sehr schönen Status: Wir können in den Supermarkt und in die S-Bahn gehen ohne erkannt zu werden und auf der anderen Seite können wir davon leben. Also das ist schon ganz schön.

Aber es macht einen doch schon stolz, wenn jemand kommt und Autogramme will?
Mathias: Naja, eigentlich finde ich eher dumm, wenn sich die Leute nur für deinen Krakel interessieren. Ich find es besser, mit den Leuten zu reden und ihnen dadurch etwas zu geben. Man kann natürlich auch nicht mit allen reden, aber so einen Krakel, der sich bei mir mit der Zeit schon so verformt hat, der bringt doch keinen weiter. Gerade bei Autogrammstunden, wo die Leute mitunter 150 Meter anstehen müssen, nur um ein Autogramm zu bekommen, da finde ich das sowohl für den, der ansteht, als auch für den, der unterschreibt, demütigend.

Letzte Frage. Das letzte Lied des neuen Albums endet mit der Zeile „vielleicht wird’s Zeit, dass wir uns verändern“. Ist das ein Wink auf die kommende Tour, das nächste Album oder einfach nur ein Hinweis auf die Zukunft?
Mathias: Ein Wink auf alles.
Nino: Naja, es steht da „vielleicht“ und es bedeutet einfach nur, dass man sich von Zeit zu Zeit auch mal in Frage stellen sollte.

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