Israel: In Haifa hasst man sich friedlich

Die Welt an der Uni Haifa ist wieder in Ordnung. Keine Katjuschas mehr, kein Panoramablick auf Haifas Rauchschwaden. Keine Sirenen mehr, die durchs leere Wohnheim hallen. Nach dem letzten Sommer zogen die Studenten wieder ein, und die Uni begann mit nur einer Woche Verspätung. Einige Studenten waren im Krieg gewesen einige Dozenten auch, viele mussten sich aus den Luftschutzkellern heraus immatrikulieren.

 

Foto: Julia Jorch

Aber in Israel hat man keine Zeit, lange seine Wunden zu lecken. Schon gar nicht als Student. Denn Student sein in Israel bedeutet zumeist, dass man die letzten zwei oder drei Jahre in der Armee verbracht hat, während junge Menschen in anderen Länder ihren Bachelor machen. Nach dieser Zeit wollen viele Israelis erst einmal weg. Raus aus dem Land, weg vom Konflikt, vom Krieg, von der Armee. Sie reisen nach Indien, Südamerika, Australien. Wenn sie zurückkommen, sind sie Mitte zwanzig, und sie haben keine Zeit für Bummelsemester. So nehmen alle ihr Studium wieder auf, holen die Prüfungen nach, vergraben sich hinter Büchern.

 

Endlich studieren

Die Uni Haifa versucht wieder das zu sein, was sie sein will: ein friedlicher Ort. Eine Uni auf dem Berg, in den Regenwolken. Ein Ort, an dem Juden und muslimische, drusische und christliche Araber zusammen studieren. Hier ist man stolz auf seinen Ruf als liberalste Uni Israels. Keine andere Uni im Land hat einen 20-prozentigen Anteil an arabischen Studenten. Das liegt weit über dem Durchschnitt anderer Unis. Auch Einwanderer aus Äthiopien, Osteuropa, Südamerika sind hier stärker als sonstwo vertreten.

 

In Israel zu studieren ist Leben in einer anderen Welt. Foto: Julia Jorch

Die Uni-Homepage spricht von Koexistenz und Pluralismus. Schöne Worte, die mit der Realität sehr hadern. Unter den jüdischen Studenten ist Haifa als die arabische Uni?g verschrien. Die Araber drücken das Niveau?g, sagen einige, weil ihre Eingangstestergebnisse nicht so hoch sein müssen.? Man lebt also bestenfalls nebeneinander. Ich hasse die Araber, die wollen uns alle ins Meer treiben?g, sagt Anat, ich will nichts mit ihnen zu tun haben?g. Blöd, denkt man sich, dass sie ausgerechnet in Haifa studiert.

 

Idylle auf Papier

Man teilt dieselben Zimmer, die gleichen Klassenräume und Kurse. Aber man lässt sich in Ruhe. Auch die Uni-Verwaltung bemüht sich, keine Spannungen aufkommen zu lassen. Doch das gelingt nicht immer.

Einmal sorgte ein Kalender für einen Skandal, den die arabische Studentenvereinigung herausgegeben hatte. Er enthielt als wichtige Feiertage nicht nur den Geburtstag des Hisbollah-Führers, sondern auch den 11. September. Für noch mehr Entrüstung sorgte jedoch die Tatsache, dass die Universitätsverwaltung die Ausgabe des Kalenders offiziell genehmigt hatte.

 

Foto: Julia Jorch

So ist das in Haifa. Man reibt und streitet sich, man ignoriert sich und lebt nebeneinander. Man lernt arabisch und hebräisch, mal von arabischen mal jüdischen Dozenten. Man trifft den arabischen Hausmeister und seinen Kollegen mit der Kipa im Fahrstuhl, und die beiden kichern wie Schuljungen.

 

Es gibt viele jüdisch-arabische Organisationen und Zentren. In der Innenstadt wird jährlich ein Straßenfest veranstaltet, das Ramadan, Chanukka und Weihnachten gemeinsam feiert. Zwar hassen sich die Menschen in Haifa, nur tun sie es etwas friedlicher, als an anderen Orten.

Die Universität bemüht sich auch weiter. Man hat eben ein Luftschloss gebaut, da oben auf dem Karmel-Berg, ein Luftschloss, in dem keiner so recht wohnen will, es aber trotzdem tut.

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