Februar 2010

Editorial Januar/Februar 2010: Weiße Weste

Weiße Westen sind anfällig. Ein Dreckspritzer aus der Pfütze im Straßengraben, eine unachtsam verschüttete Döner-Sauce oder ein kleiner Rotweinfleck: Sie genügen, um einer weißen Weste ihr reines Aussehen zu nehmen. Auf Weiß fällt der kleinste Fleck doppelt so stark auf.

Auch die moralische Unschuld ist schnell dahin. Hat man einmal einen Stempel auf die Stirn gedrückt bekommen, sitzt das Kainsmal bombenfest. Wenn dann Freunde die Straßenseite wechseln, hat man die Quittung erhalten.

Im virtuellen Netz ist die unbefleckte Weste geradezu verpönt.­ Wer dort mitspielen will, muss private Details offenbaren. Geklickt wird, wer sich auf der gestrigen Party daneben benommen hat. Am besten mit Pics und Comments. Das Internet hat uns die große Möglichkeit geschenkt, uns selbst mit Schmutz zu bewerfen. Mit jedem weiteren Upload oder Pinnwand-Eintrag suhlt man sich in der Pfütze. Die Flecken sind auch für potenzielle Arbeitgeber sichtbar. Dass diese sich für die Spuren unserer Freizeitgestaltung interessieren, ist moralisch genauso verwerflich.

Wie man es mit der weißen Wes­te auch hält, ob real oder virtuell, ob privat oder als Unternehmen, eines steht fest: Dreckig ist sie schnell. Sie wieder sauber zu bekommen, dauert lang.

Euer spree-Team.

Der Inhalt

Streik/Studieren

[Streik] – Der Gang der Geschichte
[Interview] – Grottian: Radikal werden
[Streik: Forderungen] – Was ihr wollt
[Contra] – So nicht
[Xen.On] – Fernsehen selber machen

Thema

[Im Profil] – Weiße Weste
[Plagiate] – Mit fremder Feder
[Textilindustrie] – Flecken auf unseren Westen
[Schnittmuster] – Mach’s dir selbst
[Bluttests] – Ein Tropfen voll Wahrheiten
[Religion] – Gebote sind zum Brechen da

Karriere

[Kolumne] – Weiße Westen im Marketing
[Touro College] – Geschichte lehren
[Improved Reading] – Scannen, Lesen, Verstehen
[Teach First] – Lehrer für einen guten Zweck

Stadtleben

[Architektur-Bücher] – Stein auf Stein
[Kino, DVD] – Rezensionen
[Styles & Skills] – Geschrammel und Pop

Die Ausgabe als PDF-Datei herunterladen.

[...]

9. Februar 2010

Geschrammel und Pop

[Styles & Skills] Ein Blick auf die Bands vom letzten „Styles & Skills – Berlin Band Award“ um Lust auf dieses Jahr zu bekommen

Die Starbands von morgen schon mal kennenlernen – wer Lust auf neue junge Musikgruppen aus Berlin hat, sollte am 19. März ins Kesselhaus kommen. Zum achten Mal findet der „Styles & Skills – Berlin Band Award“ statt, eine Brutstelle für Musiker, die Ruhm und Ehre suchen – und das große Publikum. Sechs Bands werden gegeneinander antreten, dabei sind die Musikrichtungen verschieden. Der Preisträger vertritt Berlin dann beim bundesweiten Wettbewerb „Local Heroes“ und hat die Chance, beim PopCamp des Deutschen Musikrats mitzumachen.

[...]

9. Februar 2010

Gefährlich gut!

[DVD] „Inglourious Basterds“, Mit: Brad Pitt, Christoph Waltz; Mélanie Laurent; Regie: Quentin Tarantino; bereits erschienen

„Pulp Fiction“ war gestern – jetzt lässt „Inglourious Basterds“ die Heimkinos aufleben. Quentin Tarantino gehört auch nach 15 Jahren zu den aufregenden Kreativen des modernen Kinogeschäfts. Mit „Inglourious Basterds“ lässt er seiner Fantasie in einem leidenschaftlichen Rache-Abenteuer freien Lauf. Auf brillante und anspielungsreiche Weise erzählt diese Kriegssatire von einer Spezialeinheit im Zweiten Weltkrieg, die Jagd auf Nazis macht – und die Chance erhält, das NS-Regime zu stürzen.

Historische und politische Korrektheit sind nicht die Richtschnur, denn die eigentliche Handlung spielt bei Tarantino stets eine untergeordnete Rolle. Schauspielerisch ist der Film jedoch ein Meisterwerk. Nachdem Tarantino für die Besetzung bei „Death Proof“ von Presse und Publikum massive Kritik entgegenwehte, hatte er sich diesmal offensichtlich vorgenommen, jede noch so kleine Rolle mit hervorragenden Schauspielern zu besetzen. Mit Golden-Globe-Gewinner Christoph Waltz, Brad Pitt und Diane Kruger seien nur einige der vielen Stargesichter benannt.

Die DVD enthält das interessante 47 Minuten lange Making-Of und ein 40-minütiges Interview, das Tarantino mit seinem Helden Castellari führt. In den Film wurden gut 20 Minuten einst herausgeschnittene Szenen, die sich qualitativ nicht vom Film unterscheiden, wieder eingefügt. So kommt man nicht nur in den Genuss des italienischen Originaltextes und vermeintlich „perfekten Deutsch“, sondern bekommt auch einen gänzlich neuen Handlungsstrang zu sehen. Der Abend mit der Clique ist gerettet!

{ma id=B002UI2QDY}

[...]

9. Februar 2010

Weiße Westen im Marketing

[Kolumne] Marketingbegeisterte Studenten aus Berliner Hochschulen nehmen Weiße Westen unter die Marketing-Lupe

Weiße Westen betreffen jede und jeden – auch wenn das vielen nicht bewusst ist. Von dem konkreten Wunsch nach einer weißen Weste leben die Waschmittelhersteller nicht schlecht. Im übertragenen Sinn wollen alle Unternehmen eine blütenreine Weste haben. Ist die Weste befleckt, hilft nur noch eine radikale Reinigung.

[...]

9. Februar 2010

Geschichte lehren

[Touro-College] Das Touro College möchte die jüdische Geschichte lehren. Dazu hat die Privatschule internationale Studiengänge konzipiert.

Die Erinnerung an den Holocaust verblasst, sobald die Zeitzeugen sterben. Daher wurde am Touro College in Berlin ein Masterstudiengang geschaffen, um die Erinnerung wachzuhalten. Ziel ist, dass die Absolventen nach dem Abschluss die Rolle der Zeitzeugen übernehmen und die Inhalte weitertragen können. Die Vizedirektorin des Touro College, Sara Nachama, sagt: „Wir werden bald das Verschwinden der Augenzeugen des Holocaust erleben. Zur Zeit geht die vierte Generation zur Schule. Für sie besteht Holocaust lediglich aus ein paar Seiten in ihrem Geschichtsbuch. Diese Generation verbindet sonst nur wenig mit dem, was passiert ist. Deswegen soll sich das heutige Vermittlungskonzept von dem der 70er Jahre unterscheiden.“

[...]

9. Februar 2010

Scannen, Lesen, Verstehen

Im Kurs „Improved Reading“ übt man an zwei Tagen, sein Lesetempo erheblich zu steigern. Auch unspannende Lektüre wird so konzentriert bewältigt. Das Training beseitigt viele Lesefehler und schult die Blickführung. [...]

9. Februar 2010

Lehrer für einen guten Zweck

[Teach First] Junge Akademiker engagieren sich in sozialen Brennpunkten. Statt direkt in den angestrebten Beruf zu starten, unterrichten sie nach dem Uni-Abschluss an Hauptschulen. Das „Teach First“-Programm ist beliebt – bei Absolventen und Schülern.

„Ey, ham wa ne Neue, oder was?!“ hört Christina die Jugendlichen raunen, als sie das rostige Tor zum Schulhof aufschiebt. Es ist ihr erster Tag an der Berliner Brennpunktschule. Doch das einzige, was dieser mit ihrer eigenen Schulzeit in diesem Moment gemein hat, ist die Schultüte, die ihr die Direktorin zur Begrüßung in die Hand gibt. Für die nächsten zwei Jahre wird dieses zweistöckige, kastenförmige Gebäude ihr Arbeitsplatz sein, dabei wollte sie in diesem Jahr eigentlich ihre Doktorarbeit beginnen.

[...]

9. Februar 2010

Fernsehen selber machen

Bei XENON in Potsdam-Babelsberg kann man TV-Journalismus lernen. Das Ziel: Innovative, junge Sendungen produzieren, ohne Quotendruck. [...]

9. Februar 2010

Weiße Weste

[Im Profil] Selbstoffenbarung oder taktische Zurückhaltung? Die Art der Darstellung in der virtuellen Welt sollte bedacht gewählt werden.

Tim hat eine Weiße Weste. Virtuell stellt er sie stolz zur Schau: Drei Praktika und fünf Organisationen für ehrenamtliches Engagement sind auf seinem Facebook-Profil aufgelistet, dafür sind die Zeilen „Hobbys“ und „Beziehungsstatus“ leer. Fotos gibt es nur drei, allesamt Bewerbungsfotos mit unterschiedlichem Bildausschnitt.

[...]

9. Februar 2010

Mit fremder Feder

Blütenrein soll unsere akademische Karriere sein. Doch die Versuchung zum Plagiat ist groß. Wer kann ihr widerstehen? [...]

9. Februar 2010

Flecken auf unseren Westen

Die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie sind alles andere als rosig: geringer Lohn, kaum Erholungszeiten und mangelnde Hygienestandards. Deswegen wirbt die „Clean Clothes Campaign“ für saubere Kleidung. [...]

9. Februar 2010

Ein Tropfen voll Wahrheiten

In Sanguine Veritas – Blutuntersuchungen verraten alles über einen Menschen. Schnell können Bewerber mit scheinbar Weißer Weste dabei ihr sauberes Image verlieren. [...]

9. Februar 2010

Der Gang der Geschichte

[Streik] Berliner Studenten besetzen die Unis mit mäßigem Erfolg. Politiker zeigen Verständnis, bewegen aber nichts.

„Der Bildungsstreik geht weiter“ und „HU und FU sind besetzt“ – so hallen die Rufe aus den Universitäten am 11. November 2009. Empörte Studenten hissen Banner in den gro­ßen Hörsälen, halten Vollversammlungen ab und stellen Forderungen auf. So schnell, da sind sich die Streikenden sicher, werden sie nicht klein beigeben, diesmal nicht.

[...]

9. Februar 2010

Was ihr wollt

[Forderungen] Worum geht’s eigentlich beim Bildungsstreik? „spree“ fasst die wichtigsten Forderungen zusammen.

Bachelor reformieren
Die Studenten fordern weniger Arbeitsbelastung im Bachelor-Studiengang, mehr Lernfreiheit und eine Verlängerung der Regelstudienzeit. Weitere Forderungen sind je nach Studiengang unterschiedlich und können oft nur vor Ort umgesetzt werden.

Mehr Geld für Bildung
Mehr Bücher, mehr Technik, mehr Personal: Die Studenten wollen eine bessere Ausstattung ihrer Hochschule. Studiengebühren lehnen sie kategorisch ab.

Master für alle
Wer nach dem Bachelor weiterstudieren will, kann sich auf einen Master-Platz bewerben. Davon gibt es aber nur wenige, sodass viele leer ausgehen. Die Zugangsvoraussetzungen für Master sind außerdem zu beschränkend.

Abschaffen der Repressionen
Die streikenden Studenten wollen nicht unter Druck gesetzt werden. Anwesenheitskontrollen in Vorlesungen und Seminaren empfinden sie als Zumutung: Die körperliche Anwesenheit im Hörsaal sage nichts über die Aufmerksamkeit aus, die jemand seinem Studiengang widme.

Weniger Einfluss der Wirtschaft
Ein Studium dient nicht nur der Ausbildung für den späteren Beruf, sondern soll vor allem das freie Denken fördern. Beeinflussen Wirtschaft oder Politik die Hochschulausbildung, ist freies wissenschaftliches Arbeiten unmöglich.

Mehr Demokratie
Die Forderung nach „Viertelparität“ bedeutet: Alle Gremien in der Hochschule sollen zu je einem Viertel von Professoren, Vertretern des Mittelbaus, weiteren Unimitarbeitern und Studenten besetzt werden. Momentan haben die Professoren in vielen Gremien eine eindeutige Mehrheit.

Soziale Öffnung der Hochschulen
Die Studenten streiken nicht nur für sich selbst. Sie wollen, dass mehr Migranten und mehr Menschen aus bildungsfernen Schichten studieren dürfen.

[...]

9. Februar 2010

Radikal werden

[Grottian-Interview] Die Bildungsproteste waren erfolgreich, müssen aber weitergehen, sagt Peter Grottian. Wie, das erklärt er im Interview.

Haben die Bildungsproteste etwas gebracht? Reformen wird es frühestens im Juni geben, bislang sind weder Politik noch Studentenschaft auf Verhandlungen vorbereitet. Das sagt zumindest Peter Grottian, Politik-Professor an der FU. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Hochschulpolitik und sozialen Protesten. Bei den meisten Strategie- und Vorbereitungstreffen der Studis ist er dabei.

[...]

9. Februar 2010

So nicht

[Contra] Der Streik hat richtige Ziele. Doch die falsche Herangehensweise führt zu keinen Erfolgen.

Das FU-Präsidium hat im Januar den Druck auf die streikenden Studierenden erhöht. Auf der Homepage des Berliner Bildungsstreiks wird das kommentiert: Kanzler Lange erscheint um neun Uhr nicht zu einem Gespräch, um die Zukunft der Besetzung zu besprechen – die Studierenden müssen stattdessen ausschlafen. Allerdings könnten Studenten sich nicht produktiv mit dem Bildungsstreik beschäftigen, wenn sie so spät aufstehen. „Das Vorgehen des Präsidiums ist somit zutiefst repressiv und wird von den Aktivist/­innen aufs Schärfste verurteilt.“

[...]

9. Februar 2010

Porträt eines Gescheiterten

[Kino] Crazy Heart, Mit: Jeff Bridges, Maggie Gyllenhaal, Robert Duvall, Colin Farrell; Regie: Scott Cooper; Filmstart: 4. März

Countrysänger Bad Blake beginnt den Tag mit dem Griff zur Whiskeyflasche. Seinen Hosenschlitz schließt er erst gar nicht mehr. Während drittklassigen Auftritten im Bowlingcenter verschwindet der einstige Star auch mal mit- ten im Lied für ein paar Minuten von der Bühne und kotzt vor die Location. Geld hat er nie in den Taschen, und die abge- schleppten Groupies sind mittlerweile auch im Rentenalter. Nur die liebenswerte Journalistin Jean könnte es schaffen, einen Lebenswandel zu bewirken, doch dauerbesoffen tritt Blake immer wieder in ein neues Fettnäpfchen.

Jeff Bridges mimt den abgehalfterten Sänger auf der Suche nach Hoffnung und Liebe ähnlich intensiv wie jüngst Mickey Rourke einen erfolglosen „Wrestler“. Der immer erlebenswerte Jeff Bridges erspielte sich mit dem scharf gezeichneten, atmosphärisch dichten Porträt eines Gescheiterten einen Golden Globe und Kritikerpreise. Auch die Musik erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Mit einem überzeugendem Ensemble, darunter Maggie Gyllenhaal und Robert Duvall, ist „Crazy Heart“ ein in jeder Hinsicht sehens- und hörenswertes Drama.

[...]

9. Februar 2010