Im Dunkeln

[Literatur] Wie kaum ein anderer Staat ist Nordkorea vor Journalisten abgeschottet. Sämtliche Medien im Land unterstehen der Parteiführung. Ausländische Journalisten können sich nur unter Führung und Aufsicht von Parteivertretern einen Eindruck vom Land machen. Barbara Demick, Ostasien-Korrespondentin der Los Angeles Times, hat auf mehreren Reisen nach Nordkorea erfahren, dass die harschen Kontrollen eine objektive Berichterstattung fast unmöglich machen. Sie fand eine andere Informations­quelle: Flüchtlinge aus Nordkorea. In über 100 Gesprächen erforschte Demick den Lebens­alltag in Nordkorea und brachte Licht in die Schattengegenden hinter dem hochglanzpolierten Pjöngjang.

Sechs der Schicksale hat Demick zu einem Erzählstrang verwoben. Im Mittelpunkt stehen der Student Jun-sang und die hübsche Mi-ran. Sie begegnen sich zum ersten Mal vor einem Kino in Chongjin. Doch das kommunistische Regime duldet keinen vorehelichen Kontakt zwischen Jungen und Mädchen. Einzig der anhaltende Strommangel ermöglicht den beiden, sich unbemerkt zu nächtlichen Spaziergängen zu treffen. Trotz ihrer wachsenden Vertrautheit wagen sie nicht, die – angesichts der immer bedrohlicheren Hungersnot und stillgelegten Produktion – aufkeimenden Zweifel am geliebten Führer Kim Il Sung zu äußern. Eines Tages sieht Mi-ran sich gezwungen, nach Südkorea zu fliehen.

„Die Kinogänger von Chongjin“ ist eine großartige Schicksalsreportage. Demicks Schilderungen sind – wie zahlreiche Verweise auf Literatur und Studien zeigen – weder überzeichnet noch einseitig und bergen dennoch erschreckende Parallelen zu Orwells Dystopie 1984. Die belletristischen Elemente setzt Demick wirkungsvoll ein, um die Informations­teile aus den Interviews zusammenzufügen, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Ein höchst empfehlenswerter Bericht über den letzten real existierenden Kommunismus.

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