Die Illus­tra­tion fer­tigte Hannes Geipel spe­ziell für diesen Bei­trag an.

Wer Orson Welles ver­stehen will, kommt um Shake­speare nicht herum. Shake­speares Werke haben ihn sein gesamtes Leben begleitet, und Welles brauchte nicht unbe­dingt eine Thea­ter­bühne, um sie würdig zu prä­sen­tieren, er trug sie gern vor: in gesel­liger Runde, in einer Radio­sen­dung oder vor der Kamera. Schon in der Schule insze­nierte Orson Welles Shakespeare-Stücke. Später brachte er den „Voodoo-Macbeth“ auf eine New Yorker Thea­ter­bühne und wenig später „Caesar“, das als eine der bedeu­tendsten Shakespeare-Inszenierungen auf US-amerikanischem Boden gilt.

Eine Stimme fürs Radio

Neben den Erfolgen auf der Thea­ter­bühne war Welles in den 1930er Jahren eine mar­kante Stimme im Radio. Seine Hör­spiele und zahl­reiche Sen­dungen lebten von seiner Mit­wir­kung. Obwohl noch jung an Jahren, besaß seine Stimme bereits die Tief­grün­dig­keit und die Auto­rität gestan­dener Männer, und er sprach oft solche. Das Mar­kante an Welles‘ Stimme sind ihre Sub­stanz, ihre Ener­gie, ihre Tiefe. Sein Wisconsin-Akzent gab der Stimme genü­gend Natür­lich­keit, ohne an Ver­ständ­lich­keit zu ver­lieren. Es wäre banal, Orson Welles‘ frühe Erfolge nur auf seine Stimme zu redu­zieren. Aber sie ver­lieh ihm die Prä­senz, die eine Bühne ver­langt und die im Radio unver­zichtbar ist.

Mit seinem ehe­ma­ligen Schul­leiter gab Welles eine Shakespeare-Edition unter dem pro­gram­ma­ti­schen Titel „Everybody’s Shake­speare“ heraus. Wie frei Orson Welles Shakespeare-Texte bear­beitet, zeigt seine leben­dige „Macbeth“-Verfilmung (1948). Zahl­reiche Pas­sagen wan­derten an andere Stellen, drei Figuren strich Welles aus dem Stück und fügte dafür eine neue ein.

Inno­vativ im Kino

Bereits mit seinem ersten Film „Citizen Kane“ (1941) sicherte sich Welles seinen Platz in der Film­ge­schichte. Tech­nisch ver­siert und mit shake­speare­scher Tragik wird das Leben von Charles Fos­ter Kane auf­ge­rollt. Die Dra­ma­turgie ori­en­tiert sich am Hör­spiel, zahl­reiche Thea­ter­ef­fekte – wie Auf– und Abblenden zum Sze­nen­über­gang – lassen Welles‘ künst­le­ri­sche Her­kunft erkennen.

Seine frühen Erfolge gaben Orson Welles das künst­le­ri­sche Selbst­be­wusst­sein; wie auf der Thea­ter­bühne oder bei seinen Hör­spielen wurde die künst­le­ri­sche Frei­heit bestim­mend für ihn. Dabei blieb Welles ein ökono­mi­scher Visio­när. Seine Vision ori­en­tierte sich an den Mög­lich­keiten. Oft ent­stand gerade aus den gesetzten Schranken ein Meis­ter­werk wie „Der Pro­zess“ (1962).

Mit dem über Jahre ent­stan­denen „Othello“ gewann Welles 1955 die Gol­dene Palme von Cannes. Die Pro­duk­tion war vom feh­lenden Budget geprägt, das Welles mit Film­auf­tritten bei­spiels­weise in „Der dritte Mann“ auf­trieb. Viel Impro­vi­sa­tion war nötig, so ver­legte Orson Welles die Mord­szene in ein Bade­haus, weil die Kos­tüme nicht am Drehort ein­ge­troffen waren. Leider ent­spricht keine der erhält­li­chen „Othello“-Fassungen der tat­säch­li­chen Kino­ver­sion. Ein Restau­rie­rungs­ver­such aus den 90er Jahren zer­störte mit Über­kor­rek­turen des Bilds und Ver­än­de­rungen des Tons den Geist des Films.

Für das Publikum

Ob er sich einem Mas­sen­pu­blikum ver­pflichtet fühle, wurde Welles in einer Publi­kums­de­batte gefragt. „Wenn ich eines hätte, würde ich mich ihm ver­pflichtet fühlen“, ant­wor­tete er. Doch das jün­gere Publikum in den 1970ern kannte Orson Welles vor­wie­gend als häu­figen Gast in TV-Sendungen und Wer­be­spots und als eins­tiges Wunderkind.

Seinen „Chimes at Mid­night“ (1965) blieb das Mas­sen­pu­blikum fern. Dabei gab er sich als alternder Fal­staff die größte Blöße, dichter kommt man ver­mut­lich an Orson Welles nie heran. Ent­gegen der ersten Ver­mu­tung erscheint der alte Welles nicht ver­bit­tert. Mit Charme und Witz umschmei­chelt er wei­terhin das Publikum.

Von vielen Film­pro­jekten und –plänen sind nur Frag­mente erhalten, den umfang­rei­chen Nach­lass ver­waltet seine Lebens­ge­fährtin Oja Kodar. In „The One Man Band“ sind zahl­reiche dieser Frag­mente aus Welles spä­teren Lebens­jahr­zehnten zusam­men­ge­stellt und als bio­gra­fi­sche Doku­men­ta­tion auf­be­reitet. Mit „Don Quichote de Orson Welles“ wurde ver­sucht, Mate­rial sin­ner­ge­bend und ord­nungs­stif­tend zusam­men­zu­stellen. Doch dieser bleibt frag­men­tiert und lücken­haft. Orson Welles selbst beherrscht seine Frag­mente. Ob Shakespeare-Verse, Lebens­ent­würfe oder Film­schnipsel – Welles fügt sie in über­ra­schender Weise zu neuem Sinn: als Kunst­werk. Bei „F für Fäl­schung“ trieb er die Frag­men­tie­rung bzw. Rekon­struk­tion von Sinn auf die Spitze. Ein viel­schich­tiger Film­essay über Fäl­scher ent­stand unter seinen Händen am Schneidetisch.

Uner­klär­lich genial

Auch tau­send Seiten könnten das Phä­nomen Orson Welles nicht hin­rei­chend erklären. Sein „Krieg der Welten“ hat 1938 Radio­ge­schichte geschrieben. Außer zahl­losen Hör­spielen ent­standen Klas­siker des Thea­ters. Daneben gilt Orson Welles als einer der ein­fluss­reichsten Film­re­gis­seure. Nicht weil er Ein­fluss gehabt hätte, son­dern weil er inspi­rierte. Er war nicht nur Gast in TV-Sendungen, ver­trat Johnny Carson und füllte Wer­be­pausen. Mit „The Foun­tain of Youth“ schuf Welles eine neue Art, Geschichten im TV zu erzählen.

In allen Medien des 20. Jahr­hun­derts hin­ter­ließ Welles seine Spuren, nicht nur mit seiner Stimme, son­dern mit seinen eigenen Werken.

Wei­tere Informationen

„Me and Orson Welles“ (2008)
DVD-Cover, Regie: Richard Linklater. Mit: Zac Efron, Claire Danes, Christian McKay

Regie: Richard Lin­klater. Mit: Zac Efron, Chris­tian McKay, Claire Danes.
Erscheint am 2. Dezember auf DVD und BluRay.

Ein­blicke in die Ent­ste­hung der legen­dären „Caesar“-Inszenierung bietet der Film „Ich und Orson Welles“, der dieses Jahr end­lich in die Kinos kam. Der 17-jährige Richard (Zac Efron) blickt dabei hinter die Kulissen einer Welles-Produktion. Mit hei­terer Unbe­küm­mert­heit taucht er ein in Welles‘ Thea­ter­welt. Wäh­rend Richard als Figur fiktiv ist, sind die Ereig­nisse um ihn herum umso realer. Wir erleben Welles als ge­nia­len und von sich über­zeugten Tyrannen, aber auch als Mensch.

„Der Pro­zess“ (1962)
DVD-Cover Arthaus-Edition. Regie: Orson Welles. Mit: Anthony Perkins

Regie: Orson Welles. Mit: Anthony Per­kins, Jeanne Moreau, Romy Schneider, Orson Welles. Erscheint als „Art­haus Pre­mium Edi­tion“ (Doppel-DVD) am 18. November.

Bei der Ver­fil­mung von Kafkas Roman sprang kurz vor Dreh­be­ginn ein Pro­du­zent ab, und Welles musste das Pro­jekt neu kon­zi­pieren. Josef K. wird ver­haftet und sieht sich mit undurch­sich­tiger Büro­kratie kon­fron­tiert. Der ent­stan­dene Film fängt die Stim­mung des Romans beängs­ti­gend gut ein: beein­dru­ckende Bilder, über­ra­schende Figuren und stetes Chaos in schein­barer Ord­nung. Als Bonus gibt es die Doku­men­ta­tion „The One Man Band“ und ein Inter­view mit dem Kameramann.

Link-Tipps

Lang­fas­sung des Arti­kels und Videobei­trag mit vielen Film­bei­spielen auf www​.zan​jero​.de.

Zahl­reiche Hör­spiele lassen sich online hören: Mer­cury Theater online. Zahl­reiche Radio­sen­dungen hat das Online Archiv gespei­chert. Viele Filme sind als DVD ver­fügbar (Amazon-Links): Citizen Kane (Restau­rierte Fas­sung), Der Pro­zess (Art­haus Pre­mium Edi­tion – 2 Discs), Mac­beth (Art­haus Pre­mium Edi­tion – 2 DVDs), F wie Fäl­schung, Der dritte Mann (Art­haus Pre­mium Edi­tion – 2 DVDs) (nur Dar­steller), Ich & Orson Welles (Regie: Richard Lin­klater, 2008; Rezen­sion). Leider ist der hoch­gradig sehens­werte „Fal­staff“ („Chimes at Mid­night“) nur über umständ­liche Import­ka­näle zu beziehen.