Wie schafft ihr das?

Studieren zwischen Leistungsansprüchen, Zukunftsplänen und Zeitdruck – im enggestrickten Studienverlaufsplan bleibt für viel keine Zeit mehr: Ehrenamt, Kindern oder beruflichen Umwegen wird kein Platz eingeräumt.

Studieren in Berlin: Wie schafft ihr das? (Foto: Albrecht Noack)

Neues Semester, neu­ es Glück. Die Studenten der Hum­boldt­Universität zu Berlin tru­deln nach drei Monaten wieder in ihre Institute ein. Unter ihnen ist auch Susy: Für die 22­jähri­ge Linguistikstudentin und ihre Kommilitonen war der Sommer – zwischen Hausarbeit, Praktikums­bericht und Nachschreibeklausur – lediglich eine vorlesungsfreie und keine studiumsfreie Zeit. Im Bachelor/Master­System muss die Studentin viele Bäl­le gleichzeitig in der Luft halten, immer mit dem Blick auf die Re­gelstudienzeit. Beim Bachelor an Universitäten sind es sechs Se­mester, eine idealisierte Empfeh­lung, die am Leben der meisten Studierenden vorbeigeht. Denn weniger Zeit zum Studieren be­deutet auch, weniger Zeit, um sich auszuprobieren und die eige­ne Persönlichkeit zu entwickeln. Der Rechtfertigungsdruck wächst mit jeder geschobenen Prüfung: gegenüber Eltern und zukünfti­gen Arbeitgebern, gegenüber dem Bafög­Amt, gegenüber sich selbst. Trotzdem gibt es Studierende, denen das Studium allein nicht genügt: sie haben einen Neben­job oder bekleiden ein Ehrenamt, manche studieren mit Kind oder Behinderung. Zusammen mit Susy hat die spree solche Menschen ge­sucht – wir wollten wissen: Wie schafft ihr das?

Der Lohn des Ehrenamts

Susy selbst war einige Zeit als Lesepatin in einer Kreuzberger Grundschule ehrenamtlich ak­tiv. „Wenn meine Eltern mir frü­her vorgelesen haben, war das für mich das Größte!“ Als durch die Medien ging, dass Kindern immer weniger vorgelesen wird, meldete sich Susy kurzerhand für eine Lesepatenschaft. Sie stellte schnell fest, dass Ehrenamt nicht gleich Ehrenamt ist. Die Vermittlungs­initiative der Lesepaten bezeich­net sie als „desorganisiert“. Wenn man Ehrenamt und Studium paral­lel laufen lassen möchte, braucht man ein gutes Zeitmanagement, merkte Susy. Im Studienverlaufsplan ist ein Bereich für ehrenamtliche Tä­tigkeiten nicht vorgesehen. Was spitzfindig klingt, kann sich für Studierende schnell als Problem herausstellen. Dass die ehren­amtliche Tätigkeit im Studium im Bachelor/Master­System zurück­gegangen ist, hat die Bertels­mann­Stiftung im vergangenen Jahr mit einer Studie gezeigt – ein zentraler Grund dafür: Zeitman­gel. Dabei ist die theoretische Bereitschaft, ehrenamtlich aktiv zu werden, auf einem Rekordhoch. Im Laufe von zehn Jahren ist sie um 10 Prozent gestiegen und liegt bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund mit 54 Prozent insgesamt sogar deutlich über der Gesamtquote von 49 Prozent. Entwickelt sich das Ehrenamt zu ei­ner Luxusbeschäf­tigung, die zwar gerne gemacht wird, aber hinter Forde­rungen und Wunsch nach Praktika, Aus­landsaufenthalten und Regelstudien­zeit immer mehr in den Hintergrund rückt? Nach einem Turbostudium mit Ba­chelor und Master ist die Universitäts­laufbahn bereits nach fünf Jahren beendet. Eine lange Studienzeit wird auch von Kommilitonen ger­ne mit Feiern und Faulenzen asso­ziiert. Viele Studierende, die sich mehr Zeit nehmen, nutzen die­se jedoch vor allem, um sich auf Wegen außerhalb der Uni auszu­probieren. Wer sich auf einen ra­schen Abschluss versteift und sich nicht die Zeit nimmt, noch etwas anderes als die Uni kennenzuler­nen, den kann eine Schreibblocka­de bei der Hausarbeit oder eine schlechte Klausur schnell aus der Bahn werfen.

Ehrenamtliche Lebenshilfe

Susy hat sich nach ihren ambiva­lenten Erfahrungen als Lesepatin für das kommende Wintersemester eine neue Aufgabe gesucht: Sie hilft einer Organisation, die arabischsprachigen Kindern kosten­losen Nachhilfeunterricht anbie­tet. Nicht nur für die Kinder ist Susys Arbeit eine große Hilfe. „Eltern haben einen harten Job. Es ist schön, dass ich ihnen dabei etwas unter die Arme grei­fen kann.“

Wohin mit Kind?

Wenn eine Studentin und ein Stu­dent Eltern werden, kann es sein, dass sie ihre bisherigen Lebens­entwürfe anpassen und Kom­promisse eingehen müssen. Stu­dierende Eltern mit Kind sind deswegen wie kaum eine andere Gruppe auf einen Kitaplatz ange­wiesen. Jedoch sind Stichworte wie „Betreuungsengpass“, „man­gelnde Kitaplätze“, „zu wenig Per­sonal“ die Schlagworte, die man dazu hört und liest. Das Fehlen von Kinderbetreuung ist ein er­hebliches Problem für studierende Eltern, denn grade ihnen mangelt es oft an Zeit und Geld. Wie sieht es an den Berliner Hochschulen aus? Wie schaffen Studierende den Spagat zwischen Studium und Kindererziehung? Es ist Freitagnachmittag, 16 Uhr. Direkt beim S­Bahnhof Tiergarten schallen Kinderstim­men durch die Luft – hier liegt die Kindertagesstätte der Tech­nischen Universität und der Uni­versität der Künste. Helene, elf Monate alt, wird hier seit fünf Mo­naten betreut. Ihre Mutter Diana, selbst Studentin an der UdK, hat sich bereits ein Jahr im Voraus um einen Platz beworben und ihn zu ihrer Freude auch erhalten. Das Glück haben nicht alle. Se­bastian, Vater und Student an der TU Berlin, hat seinen Wunschkita­platz für Tochter Kara­ Emilia, vier Jahre alt, auf dem Cam­pus der TU Berlin nicht bekommen. Er und Ka­ra ­Emilias Mutter hatten sich bereits ein Jahr im Voraus auf den Kita­platz beworben, um ihre Tochter mit einem Jahr in die Krippe geben zu können. Sie mussten auf den Krippenplatz ei­ner anderen Tagesstätte zurückgreifen. Massive Probleme drohen jedoch, wenn die jungen Eltern gar keinen Platz für den Sprößling finden. Ohne die Betreuung wäre es nicht gegan­gen: Diana wusste, dass sie ihre Tochter mit einem halben Jahr in die Kita geben muss, damit sie ihr Studium abschließen kann. Diana hatte Glück – besonders Krippenplätze, Betreuungsange­bote für Kinder unter zwei Jahren, sind heiß begehrt. Um einen Kita­platz in Berlin zu erhalten und da­bei finanziell unterstützt zu wer­den, benötigen die Eltern für ihr Kind einen Kitagutschein – Anträ­ge und Amtsrennerei inklusive.

Aktionen statt Kulturwandel

Die Nachfrage nach Plätzen ist bei allen Kitas des Studenten­werks größer als das Angebot an Plätzen. „Das Problem ist, dass es zu wenig Krippenplätze gibt“, so Carola Wanzek, Leiterin des Fa­milienbüros der TU Berlin. Das Studentenwerk betreibt bisher fünf Kitas, gelegen direkt auf den Campus fünf großer Berliner Hochschulen. Carola Wanzek spricht von ei­nem nötigen Kulturwandel, der an Berliner Hochschulen stattfin­den muss. Mehr Verständnis für Studierende mit Kind von Seiten der Lehrenden und Kommilito­nen sei unbedingt notwendig. Das Studium mit Kind ist eine große Herausforderung – trotz vieler Projekte und Aktionen wie Be­grüßungspaketen für Studierende mit Kind oder dem „TU­Tandem“, einem Mentoringprogramm, wel­ches im Sommersemester 2013 an der TU Berlin starten soll und sich an Personen mit Kind oder mit zu pflegenden Angehörigen richtet. Seit der Umstellung auf das Bachelor/Master­System sei der Druck auf studierende Eltern mit Kind weiter gestiegen, so Wan­zek weiter, die Flexibilität der El­tern sei gesunken, das spürten alle Kitas des Studentenwerks. Mangelnde Flexibilität und Zeit­druck sind jedoch die größten Pro­bleme von Studierenden mit Kind. Um dies zu verbessern, wäre es laut Carola Wanzek neben ande­ren Flexibilisierungsmaßnahmen nötig, eine entsprechende Aufbe­reitung von Studiengängen für ein Teilzeitstudium einzuführen. Da­bei weisen Teilzeitstudiengänge noch immer das Problem auf, dass sich für die Studierenden die finanziellen Rahmenbedingungen verändern. Im Klartext heißt das, volle finanzielle Unterstützung nur für Vollzeitstudierende. Daran etwas zu ändern, liege aber in den Händen des Gesetzgebers. Die Lei­terin des Familienbüros empfiehlt Studierenden mit Kind deswegen: „Gut vorplanen! Einfach selbstbe­wusst sein und sich klar machen, dass es eine ganz große Leistung ist, selbst eine Familie zu haben und gleichzeitig zu studieren!“

Der Blick auf die Rücksicht

Ein Kind im Studium fordert ein Mehr: an Organisation, an Geld, an Fürsorge. Aber nicht nur Kin­der und ihre Eltern brauchen Unterstützung. Auch manche kin­derlosen Studenten brauchen im Studienalltag Hilfe.

Schwierigkeiten im Seminar

Katrin ist eine solche Studen­tin. Wenn man von Katrins Leben hört, könnte man meinen, sie sei eine ganz normale Studentin – sie geht gerne Tango tanzen, spielt Gitarre und engagiert sich ehren­amtlich in einer Musikschule. Eine Sache unterscheidet Katrin jedoch von ihren Kommilitonen: sie lebt mit dem Alström­Syndrom. Seit ihrer Geburt ist sie sehbehindert, bereits als Kind wurde eine Ein­schränkung beim Hören festge­stellt. Als Kind konnte sie Farben anhand von Schattierungen erken­nen, Gesichter konnte sie noch als Konturen erkennen. Mittlerwei­le kann sie nur noch leichte Un­terschiede von natürlichem Licht wahrnehmen. Sie ist fast vollkom­men blind. Bei vielen Umgebungs­geräuschen ist ihr eine normale Unterhaltung nicht möglich. Trotz dieser Einschränkungen geht Katrin ihr Studium an, wie die meisten Studierenden: Zu Be­ginn des Semesters wählt sie ei­nige Kurse aus und schaut, ob ihr Dozenten und Veranstaltungen zusagen. Vor jeder Veranstaltung bittet Katrin den jeweiligen Do­zenten, ein Spezial­Mikro umzu­hängen, damit sie der Veranstal­tung folgen kann. Antworten wie „Was? Das soll ich über meinen Schlips hängen, wie sieht denn das aus?“ gehören zu den Ausnah­men. Problematisch wird es in Dis­kussionsrunden, weil das Herum­reichen von Katrins Mikro häufig nicht funktioniert oder sogar als störend empfunden wird. Katrin erlebt Dozenten ver­schieden: solche, die sie ignorie­ren; solche, die sie auf eine ihr un­erträgliche Weise bewundern und solche, die sie ernst nehmen. Mit dem zweiten Dozentenschlag kann Katrin am wenigsten umgehen. Sie schüttelt widerwillig den Kopf, wenn sie von ihnen berichtet: „Wenn mich schon jemand bewun­dern muss, dann soll er das tun, weil ich irgendwas toll gemacht habe und nicht, weil ich einfach nur meinen Alltag lebe!“.

Dieser Alltag gestaltet sich jedoch häufig schwierig. Kat­rin ist es wichtig, ein selbstständiges Leben zu führen und so viel wie möglich ohne fremde Hilfe zu schaffen. Im Studium braucht sie Unter­stützung, deshalb stellt das Studentenwerk Katrin Studienassistenten zur Seite, die sie zu Veranstaltungen beglei­ten und Recherchearbeiten erledigen. Mit ihrem Computer kann Katrin die meisten digi­talen Dokumente lesen. Dafür hat sie einen Braille­Display, der die Bildschirminhalte in Punktschrift wiedergibt. Dank dieses Geräts kann sie Texte in Brailleschrift ertasten. Die Studienassistenten sind ein wichtiger Bestandteil von Katrins Leben geworden. Und man­che sind während und nach dieser Zeit zu Freunden geworden. Viele Menschen sind im Umgang mit Katrin unsicher. „Sie wissen nicht, wie sie sich mir gegenüber verhal­ten sollen“. Katrin sieht eine ganz einfache Lösung: mehr Mut, Fra­gen zu stellen. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht: „Ich beiße nicht.“ Dass das Studentenwerk Studi­enassistenten bezahlt, hat Katrin durch eine Freundin erfahren. Zum Glück, wie sie sagt. „Ohne meine Assistenten wäre ich im Studium baden gegangen“. Nicht nur im Studentenwerk, auch in der stu­dentischen Selbstverwaltung je­der Hochschule findet sich eine Beratungsstelle für Studierende mit Behinderung. Der Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der Freien Universität Berlin etwa bietet Hilfestellung in über zwölf Bereichen, auch zum Thema Da­tenschutz oder Bafög.

Prüfungen und Parlamente

Engagement in den Hochschulgre­mien kostet Zeit, die man zwar für die Uni aufbringt, aber nicht für sein Studium. Stephan Otto saß drei Jahre im Studierendenparlament (Stu­ Pa) der Humboldt­Universität und weiß, wie zeitaufwändig Gremien­arbeit ist. Sieben Jahre hat er für den Bachelor gebraucht. „Eigent­lich wollte ich möglichst schnell fertig werden“, am Ende sei­nes sechsten Semesters hatte er schon rund 80 Prozent seiner be­nötigten Studienpunkte. Ihm fehl­te allerdings noch ein geeignetes Thema für seine Bachelorarbeit. Dann kamen verschiedene Din­ge zusammen: Er hatte mit einer Krankheit zu kämpfen, pendelte zwischen Berlin und Bielefeld, zog ins StuPa ein, begann wieder zu arbeiten. Das gab ihm eine gewis­se Gelassenheit, um nicht nur den Weg Richtung Abschluss entlang zu eilen, sondern auch die Seiten­ und Parallelstraßen zu erkunden.

Berufserfahrung überall

Man gewinne viel durch die Gre­mienarbeit, was mit Fachwissen nicht aufzuwiegen sei, meint Ste­phan: „Die Studenten können sich politisch ausprobieren.“ Denn eine Funktion darf seiner Meinung nicht unter den Tisch fallen. „Das StuPa ist auch eine Kaderschmiede für angehende Politiker und Funk­tionäre, hier sammeln sie Erfah­rungen für ihren späteren Beruf.“ Stephan hat aus seiner Zeit im StuPa einiges mitgenommen: das Gefühl, vor 70 Leuten eine Rede zu halten; die Erfahrung, in der rauen Atmosphäre des StuPas ver­bale Prügel einstecken zu müssen; die rhetorischen Fähigkeiten, um anderen argumentativ das Wasser reichen zu können. Für Stephan ist das Engagement in der Hochschulpolitik ein wich­tiger Schritt in seiner Persönlich­keitsentwicklung gewesen. Susy und ihren Kommilitonen, die noch am Anfang ihres Hochschullebens stehen, empfiehlt er den Zugang zur Hochschulpolitik im Kleinen, in den Fachschaften und Diskus­sionsgruppen in Studentencafés. Schnell findet man dann Studieren­de, die auch interessiert sind und bei denen man sich wohl fühlt, um in einer Gruppe aktiv zu werden. „Das Wichtigste ist, dass Ihr Spaß daran habt“, sagt Stephan.

Suche nach der Perspektive

Trotz der zahlreichen Möglichkei­ten im Studium macht sich Susy schon Gedanken über die Zeit nach dem Bachelorabschluss. Erst Berufserfahrung oder gleich Mas­terabschluss? An der Universität bleiben oder das Glück in der frei­en Wirtschaft suchen? Nach dem Abitur sah sie sich mit ähnlichen Fragen konfrontiert und nahm sich ein Jahr Zeit, um Antworten zu finden. Zunächst war sie ein halbes Jahr im Liba­non, dem Heimatland ihres Va­ters. Danach sammelte sie Erfah­rungen in mehreren Praktika, ihre Stationen zogen sich durch die unterschiedlichsten Berufszwei­ge: Steuerkanzlei, Anwaltsbüro, Krankenhaus, Grundschule, Radio­sender. Die Arbeit beim Rundfunk hat sie so begeistert, dass sie ein Studium in diesem Bereich auf­nahm. Ihr Studiengang, in dem sie sich unter anderem mit der Mode­ration von Sendungen befasste, wurde jedoch schon nach andert­halb Jahren eingestellt. Für Susy hieß es wieder: Universitäten auswählen, Studiengänge durch­forsten, Bewerbungen abschicken, Pläne für den zukünftigen Beruf schmieden. Im vergangenen Wintersemester wurde Susy dann für den Stu­diengang Germanistische Lingu­istik an der Humboldt­Universität angenommen. Die Begeisterung war groß: Noch während ihrer Schulzeit, mit 16 Jahren, stand Susy vor dem Hauptgebäude der Humboldt­Universität und wurde von dessen geschichtsträchtiger Atmosphäre in den Bann gezogen. „In diesem Moment hatte ich mich in die HU verliebt“, erinnert sie sich heute. Doch auch wenn das Gebäude der Universität dasselbe geblie­ben ist, so hat sich die Konzeption des Studiums seit der Gründung vor über 200 Jahren zu Großteilen verlagert. Soweit muss man allerdings nicht zurückgehen, um sich bewusst zu machen, wie sich die Auffassung der universitären Leh­re in deutschen Hochschulen ver­ändert hat.

Humboldt im 21. Jahrhundert?

Neben der Aufgabe, den Studie­renden Werte und Ideale mitzuge­ben, um sie bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu unterstüt­zen, muss ein heutiger Absolvent außerdem gut für den Arbeits­markt gerüstet sein: Ein Studi­um ohne konkreten Praxisbezug und berufsqualifizierenden An­teil scheint nicht in die heutige Hochschullandschaft zu passen. Wer nach dem Abschluss weiter an der Universität bleiben möch­te, wird dies stets im Auge behal­ten müssen. Studenten, die eine wissenschaftliche Karriere planen, achten zwar darauf, so schnell wie möglich einen Platz als stu­dentische Hilfskraft zu ergattern und erste Erfahrungen im wissen­schaftlichen Betrieb zu sammeln; zum anderen wird auch ihnen ge­raten, noch einen Plan B für den Notfall in der Tasche haben. Wie soll man die eigene akademische Laufbahn nun in die Wege leiten?

Kein Plan in der Schublade

Dass Karrieren, gerade im Hoch­schulbereich, selten von vorne bis hinten durchgeplant werden, wird Susy von ihrer Dozentin erfolg­reich vorgelebt. Professorin Anke Lüdeling, Direktorin des Instituts für deutsche Sprache und Lingu­istik an der Humboldt­Universität zu Berlin, befindet sich schließ­lich auf den obersten Sprossen der Karriereleiter. Zugetraut hätte Lüdeling sich das als Studentin, wie sie sagt, niemals. Die feste Absicht einer Wissenschaftslauf­bahn kam ihr laut eigener Aussage erst nach der Doktorarbeit. Abgezeichnet hatte sich das im ersten Semester nicht: Ihr Studium der Sprachwissenschaft begann sie 1988, „ohne zu wissen, was das eigentlich ist.“ „Ich wusste nicht recht, was ich machte“, erzählt Lüdeling heute, „und ich wusste nicht, was ich werden wollte.“ Was für die Ohren mancher Kommilitonen Susys nach ei­ner unerhörten Leichtsinnigkeit klingt, war Ende der 80er Jahre nichts Ungewöhnliches. Es waren andere Zeiten, meint Lüdeling. „Es herrschte Vollbeschäftigung, man kriegte irgendeinen Beruf. Wir ha­ben uns keine Gedanken darüber gemacht. Wir hatten nicht so viel Angst. Heute muss man sich auch überlegen: Muss ich hier noch ein Praktikum machen? – Ich habe in den Sommerferien halt Sommerfe­rien gemacht.“

Studiumsniveau damals/heute

Prof. Anke Lüdeling begann ihr Studium der Sprachwissenschaften, „ohne genau zu wissen, was das eigentlich ist.“ Mittlerweile ist sie Direktorin am Institut für Deutsche Sprache und Linguistik der HU.

In ihrem Hauptfach Sprachwissen­schaften empfand sie die Lehre an der Universität Hamburg damals als sehr schlecht. Als es darum ging, ihre Magisterarbeit bei IBM zu schreiben, fehlten ihr jegliche Grundlagen. „Ich wusste nicht, wie irgendwas geht“, gesteht sie, „und ich habe dann die ganze Zeit gekämpft und nachts gelesen und gelesen. Sachen, die Sie alle im ersten Semester lernen.“ Mit der Zeit habe es ihr dann aber doch großen Spaß gemacht, und so entwickelte sich auch der Wunsch, ihre Dissertation außerhalb der Wirtschaft zu schreiben. Mit einem Stipendium promovier­te sie dreieinhalb Jahre in einem Graduiertenkolleg. Mit den Wor­ten ihrer Doktormutter betont sie: „Die wissenschaftliche Persönlich­keit entwickelt sich während der Promotionszeit.“ Erst hier lerne man, sich selbst zu organisieren und zu motivieren.

Angeleitet anstatt selbstständig

Von heutigen Studienverhältnis­sen im Bachelor/Master­System hat Lüdeling eine zwiespältige Meinung. Einerseits sei das alte System vollkommen untauglich gewesen, um mit der enormen Zunahme an Studenten fertig zu werden. Mit dem neuen System wurde den Dozenten eine bessere Anleitung der Studenten ermög­licht. Andererseits bedaure sie auch den Verlust an Selbständig­keit und Freiheit der Studierenden, der mit den neuen Studienformen einhergehe. Den Einstieg in den akademi­schen Beruf hat jedenfalls das neue System in ihren Augen weder erschwert noch erleichtert. Pro­motionsstellen bekomme man ei­nigermaßen gut und danach wur­de es auch zu ihrer Zeit schwer. Dem wissenschaftlichen Nach­wuchs empfiehlt sie am besten in einem Projekt zu promovieren, da man dort stark von dem Aus­tausch mit anderen profitiere und nicht allein zuhause auf die eigene Ar­beit zurückgeworfen sei. Außerdem solle man seine Promoti­onsstelle nicht nach der Lieblingsstadt, sondern nach Thema und Betreuer auswäh­len. Für Promovieren­ de sei nichts schlim­mer, als drei Jahre in einer unangenehmen Arbeitsatmosphäre zu verbringen.

Bitte nur bei Interesse

Auch wenn sie ihren Beruf liebt und nicht wüsste, was sie sonst machen würde, hält sie die Vor­züge einer akademischen Karri­ere für eher überschaubar. Geld kann man, wie sie sagt, „woanders besser verdienen“ und Sicherheit bekommt man erst mit der Pro­fessur, also allerfrühstens mit 35. Bis dahin hat man „nur befriste­te Stellen, immer mit dem Risiko, woanders hingehen zu müssen.“ Die eigene Motivation ist ent­scheidend, um diesen Weg einzu­schlagen. Trotz aller Zweifel rät Anke Lüdeling den angehenden Wissenschaftlern, sich stets daran zu erinnern, weshalb sie das al­les auf sich nehmen: „Weil Sie das interessiert!“ Es ist auch für Susy essentiell, dass sie später etwas machen kann, dass sie fasziniert. Sie wagt es, sich die Zeit und den Raum zum Auspro­bieren zu nehmen, den man in der Studienordnung nicht findet. Sie ist sich sicher, dass ein Großteil der Rei­ze nicht bei ihr angekommen wären, wenn sie sich anfangs nur auf ihre Seminare gestürzt hätte. „Nicht nur durch das Ehrenamt habe ich einen anderen Umgang mit Menschen kennengelernt. Und das bringt mich nicht nur im Privatleben weiter, son­dern auch im Studium.“ Es ist also gut investierte Zeit. Zeit, die man sich auch im Bachelor­Master­System nicht nehmen lassen sollte.

Autoren: Kimjana Curtaz, Jan Lindenau, Pia Linscheid, Leo Schwarz

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