Der Berufseinstieg — Hürden meistern

Lern­coach Martin Kren­gel weiß, wie man den Über­gang vom Stu­dium zum Beruf, den Ein­stieg ins Berufs­le­ben erfolg­reich orga­ni­sie­ren kann.

Spä­tes­tens wenn die Abschluss­ar­beit ansteht, muss man der Wahr­heit ins Gesicht schauen: Habe ich den Über­blick über meine To-Do’s, oder gehe ich im selbst­ge­schaf­fe­nen Chaos unter? Um nicht mit einem Knoten im Kopf in das Berufs­le­ben zu star­ten, helfen einige Umstel­lun­gen im Denken und Handeln.

Was sind die unterschiedlichen Ansprüche zwischen Studien- und Arbeitswelt?

Das Stu­dium bietet seine eige­nen Her­aus­for­de­run­gen in Bezug auf das Zeit­ma­nage­ment: Die Eigen­ver­ant­wor­tung wird groß geschrie­ben, es gibt keinen Chef, der mir auf die Finger haut oder Druck auf­baut. Aller­dings sind Pla­nung, Ziele und Kon­trolle wich­tige Fak­to­ren der per­sön­li­chen Pro­duk­ti­vi­tät. Sie kommen im Stu­dium meist zu kurz. Was an der stu­den­ti­schen Arbeits­weise zu wenig vor­han­den ist, wird im Arbeits­le­ben schnell zu viel: Man fühlt sich ein­ge­engt, wünscht sich mehr Abwechs­lung und mal wieder ein wenig Zeit, ein­fach die Seele bau­meln zu lassen. Wir drehen uns fast um 180 Grad. Natür­lich gibt es auch viele Gemein­sam­kei­ten: In Beruf wie Stu­dium ist die Selbst­mo­ti­va­tion wich­tig, struk­tu­rier­tes Vor­ge­hen, die wich­ti­gen Dinge zuerst anzupacken.

Auf welche Probleme und neuen Anforderungen sollte man sich beim Berufsstart noch gefasst machen?

Die Unsi­cher­heit erlebe ich bei vielen als großes Thema. Man hatte immer gedacht, als stu­dierte Men­schen wüss­ten wir alles, bräuch­ten nur die Ärmel hoch­krem­peln, und los geht’s. Leider wird man in unse­rer Wis­sens­ge­sell­schaft schnell eines bes­se­ren belehrt. Es geht nicht darum, alle Ant­wor­ten zu kennen, das ist unmög­lich. Viel­mehr sollte ich die rich­ti­gen Fragen stel­len: Wie gehe ich sys­te­ma­tisch an Pro­bleme heran? Welche Erfolgs­fak­to­ren, Stell­grö­ßen und Inter­de­pen­den­zen hat eine Auf­gabe? Hier ist Trans­fer- und Anwen­dungs­wis­sen gefragt.

Martin Kren­gel

Erlernt man das Anwenden von Wissen während des Studiums nebenbei, oder benötigt es Zeit und praktische Anwendung im Beruf?

Trans­fer­wis­sen ist – wie der Name sagt – nur im Trans­fer selbst zu lernen. Die Stärke der soge­nann­ten Elite-Unis ist nicht unbe­dingt die exzel­lente Lehre, son­dern die enge Ver­knüp­fung mit der Praxis. In Witten wurden wir im ersten Semes­ter in drei von sechs Fächern sofort in Pro­jekt­grup­pen ein­ge­teilt und haben die Rolle von Unter­neh­mens­grün­dern, Wirt­schafts­prü­fern, ja selbst Pro­fes­so­ren ein­ge­nom­men. Wir haben gelernt, aus dem Nichts eine Struk­tur zu bauen. Des­we­gen kann ich jedem raten, sich über das Stu­dium hinaus in Initia­ti­ven zu enga­gie­ren, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und an Wett­be­wer­ben teil­zu­neh­men. Ja, es ist viel Arbeit, aber auch fach­lich pro­fi­tiert man davon enorm! Plötz­lich ver­steht man Zusam­men­hänge und das Warum. Wie bereits Nietz­sche fest­stellte: Wer das Warum kennt, schafft jedes Wie.

Was braucht es zum erfolgreichen Berufstart an Kompetenzen?

Ich glaube, Berufs­ein­stei­ger soll­ten mehr Ver­trauen zu sich und ihren Ergeb­nis­sen finden. Nach der 20/80-Regel rei­chen oft schon 20 Pro­zent Arbeits­ein­satz, um 80 Pro­zent Ergeb­nis her­vor­zu­brin­gen. Aus Unsi­cher­heit und Scheu vor dem Chef oder Kol­le­gen traut man sich nicht, nach­zu­fra­gen oder ein Zwi­schen­er­geb­nis zu prä­sen­tie­ren und feilt an Details und an den fal­schen Bau­stel­len, die eigent­lich nie­man­den inter­es­sie­ren. Des­we­gen ist Feed­back so wich­tig, um ein Gespür für die rich­tige Rich­tung zu bekom­men. Viele machen diesen Fehler bei der Abschluss­ar­beit: Man zieht sich zurück, macht Pro­bleme mit sich selbst aus und gibt erst am Ende die Arbeit ande­ren zur Durch­sicht – dann ist es aber für eine fun­da­men­tale Kor­rek­tur zu spät, und es wir nur noch faden­schei­nig korrigiert.

Wie erwerbe ich diese Kompetenzen?

Selbst­ma­nage­ment ist vor allem eine Frage des Den­kens. Da hilft zunächst die tief­grün­dige, selbst­re­fle­xive Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Thema. Man braucht dafür nicht unbe­dingt Lite­ra­tur. Wenn ich abends oder nach einem Pro­jekt unzu­frie­den war, habe ich mir oft ein­fach nur einen Zettel und Stift vor­ge­nom­men und mir drei Fragen gestellt: 1. Was lief gut? Das sind die Dinge, die ich bei­be­hal­ten habe. 2. Was war verbesserungswürdig/wo habe ich die Situation/ Auf­gabe falsch ein­ge­schätzt? So lernte ich die jeweils kri­ti­schen Erfolgs­fak­to­ren. 3. Was kon­kret werde ich beim nächs­ten Mal anders machen? Das strich ich bunt an und legte es mir gleich zu den Unter­la­gen des nächs­ten Pro­jek­tes, damit ich es nicht ver­gesse. Dieser Refle­xi­ons­pro­zess sollte mög­lichst kon­kret und schrift­lich gesche­hen: Also nicht den Schwur „Das nächste Mal fange ich früher an“, son­dern „Ich beginne 3 Monate vor Abgabe, setze mir spe­zi­elle Mei­len­steine und trage diese sofort in den Kalen­der ein.“

Wofür brauchen wir dann Selbstmanagement-Bücher, wenn man sich selbst helfen kann?

Ein gutes Buch kann moti­vie­ren und inspi­rie­ren. Aktiv werden muss ich selbst, aber ein klei­nes Kom­pen­dium auf dem Nacht­schrank zu haben, das mich an meine guten Vor­sätze erin­nert und mir Anre­gun­gen gibt, ist sehr viel wert. Ich habe mich genau durch dieses bewusste Vor­ge­hen vom fach­li­chen Außen­sei­ter zum Klas­sen­bes­ten entwickelt.

Sind solche Kompetenzen immer abrufbar, oder gilt hier das Prinzip des lebenslangen Lernens?

Das ist die Stärke der Kom­pe­ten­zen: Es sind ver­in­ner­lichte Denk- und Hand­lungs­wei­sen. Fach­wis­sen ver­gisst man schnell. Kom­pe­ten­zen sind bestän­di­ger. Nehmen wir als Bei­spiel meine Sport­art, das Turnen. Viele Bewe­gun­gen habe ich jah­re­lang nicht mehr aus­ge­führt. Aber wenn ich zwei, drei Tage übe, kann ich diese Dinge viel schnel­ler wieder reaktiveren.

Buch­tipp:
Golden Rules
Erfolg­reich Lernen und Arbei­ten: Alles, was man braucht.
Martin Krengel
185 Seiten, 15,95 Euro
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Über Christiane Kürschner (89 Artikel)
2004 bis 2010 Studium (Philosophie, Deutsche Philologie, AVL) an der FU, HU und Uni Bern. 2007 bis 2010 Fachjournalistikstudium. PR-Volontariat bis Juni 2011. Seit Juli 2011 freie Autorin und Texterin. Ihre Leidenschaften: Bücher, Fotografie und Essen- und in allem viel Farben. www.frollein-wortstark.de
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